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Viersen, du alte Weberstadt

Viersen, du alte Weberstadt
Kuratorin Dr. Britta Spies und Dr. Albert Pauly vom Verein für Heimatpflege Viersen stellten die Ausstellung vor. FOTO: Christiane Samuel
Viersen. Textilgewerbe in Viersen an der Schwelle zum Industriezeitalter - bis zum 15. Juli informiert die bereits siebte Ausstellung im "Viersener Salon" des Vereins für Heimatpflege Viersen auf vielfältige und interessante Weise über das Thema. Von Christiane Samuel

Es gibt eine Viersener Stadthymne, deren Beginn so lautet: "Viersen, du alte Weberstadt, die Rot und Blau als Farbe hat, blühe und gedeihe." Darin wird deutlich, dass die Produktion von Textilien in Viersen schon früh eine große Rolle gespielt hat. "Im 19. Jahrhundert wurde dieser Industriezweig sogar zum führenden Gewerbe in der Stadt. Zeitweise waren mehrere Tausende Handweber an ihren Webstühlen im Einsatz", weiß Dr. Albert Pauly, Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege. Und Kuratorin Dr. Britta Spies erläutert: "In solch einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Viersen wurde sogar die ganze Bandbreite an Stoffen produziert: zuerst Leinen, dann Baumwolle und Wolle und schließlich sogar Samt und Seide."

Die Ausstellung in der Villa Marx beschäftigt sich mit diesen verschiedenen Produktionszweigen am Beginn der Industrialisierung. Eine ganz besondere Rolle spielte für Viersen hierbei der sogenannte Textilbaron des Rheinlandes, Friedrich Freiherr von Diergardt (1795–1869), dessen "Sammetfabrik" im Viersen die bedeutendste Europas war. "Dabei hat er für seine Zeit sehr fortschrittlich sozial gedacht – er kaufte die wertvollen Materialien, ging also in Vorleistung und stellte sie den Hauswebern zur Verarbeitung zur Verfügung. Die wiederum haben für die fertiggestellten Arbeiten dann einen Stücklohn erhalten – auch wenn die Auftragslage mal schlecht war, erhielten die Weber ihren Lohn, hatten also quasi einen "sicheren" Arbeitsplatz", erklärt Dr. Britta Spies. Anders funktionierte die Baumwollspinnerei von Carl Zahn, bei der es sich um eine klassische frühindustrielle Produktionsstätte handelte. Hier ging es um Massenfabrikation. "Beide Persönlichkeiten haben mit zwei verschiedenen Systemen viel für Viersens Textilindustrie erreicht und gelangten zu großem Wohlstand", sagt Dr. Albert Pauly. Angelehnt an die drei Buchbände von Textilingenieur Walter Tillmann, in denen dieser die wesentlichen Aspekte der Viersener Textilgeschichte aufgearbeitet und dargestellt hat, gibt es in der Ausstellung in der Villa Marx interessante Exponate, Werkzeuge und Informationen rund um die Entwicklung von Herstellung und Verarbeitung von Textilien. Sie gibt so ein buntes Bild jener Zeit wieder, als das Leben in Viersen vom Takt der Webstühle bestimmt war. Drei Touch screen-Anwendungen für nähere Infos zu den ausgestellten Stücken sorgen auf moderne und einfache Weise dafür, dass sich jeder Besucher ganz individuell dem Thema widmen kann. Hier können z.B. Kurzfilme rund ums Spinnen und Weben angeschaut werden. Aber auch Allgemeinwissen zum Thema kann man hier erwerben. "Viele noch heute übliche Redewendungen wie "Den roten Faden finden", etwas "durch die Mangel drehen" oder "sich verhaspeln" haben beispielsweise ihren Ursprung in der Textilbranche, im Umgang und der Bedienung von Werkzeugen, Maschinen und Geräten", erklärt Dr. Albert Pauly.

(StadtSpiegel)