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Steine kloppen statt Akten sichten

Steine kloppen statt Akten sichten
Aus diesem Mainsandstein entsteht ein Kopf. Das Ergebnis kann man - sollte sich Günter Thönnessen bei diesem Werk als Ausstellungsstück festlegen - im kommenden Jahr bewundern, dann nämlich plant der Altbürgermeister Viersens eine Ausstellung. FOTO: Horst Siemes
Viersen. Staub liegt in der Luft. In dem Kellerraum reihen sich rund ein Dutzend unbearbeitete Steine aneinander. „Hier fühle ich mich wohl“, sagt Günter Thönnessen. Der Extra-Tipp besuchte den Altbürgermeister der Stadt Viersen jetzt in seiner Bildhauerei-Werkstatt in Dülken. Von Dirk Kamps

Auf dem Gierlingsparkgelände hat sich Günter Thönnessen in einem Kellerraum „ausgebreitet“. Mit seiner Werkstatt wird er jedoch umziehen. „Die ist ebenerdig“, sagt Thönnessen. Nicht verkehrt, wenn man bedenkt, dass der Altbürgermeister Steine bearbeitet, die durchaus Hunderte von Kilos auf die Waage bringen. Die neue Werkstatt ist ebenfalls auf dem Gelände - nur einen Steinwurf weg sozusagen.

Die Steine haben es Thönnessen angetan. Seit vier Jahren ist die Bildhauerei nicht nur ein Hobby, sondern Leidenschaft. Zwei- bis dreimal pro Woche verbringt er jeweils bis zu fünf Stunden mit seiner Kunst. Eine Vorliebe, die er in eher dunklen Stunden seines Lebens entdeckt hat.

Als Günter Thönnessen vor einigen Jahren einfach nicht mehr konnte, als er ausgebrannt war, wurde er eine Zeit lang in einer Klinik behandelt. „Dort gab es einen Kunstkeller. Hier wurde geraucht und Johnny Cash gehört“, erinnert er sich und lächelt. Eine Gesellschaft, in der er selbst dann damit begann, sich künstlerisch zu betätigen. Zunächst „mit einem Knubbel Ton“, aus dem „ein Affenkopf“ entstanden ist. Eine Initialzündung. Noch während seines Klinikaufenthalts fuhr er zu einem Friedhofssteinmetz. Hier bekam er einen polnischen Sandstein, den er dann mit einem Flachmeißel „aus dem Baumarkt“ zu bearbeiten begann. Seine nötigen Utensilien bezieht er mittlerweile über einen Fachhandel in Köln.

Sein Erstlingswerk hatte es gleich in sich. Es stellt einen Mann, der aus einem Felsen heraustritt, dar. In den Jahren seitdem hat sich Thönnessen immer mehr Fachwissen angeeignet. In jedem Jahr belegt er verschiedene Kurse - und ist so zum künstlerischen Austausch unter seinesgleichen. Eine Möglichkeit, sich über die unterschiedlichen Steine sowie das richtige Werkzeug zu unterhalten.

Oft bearbeitet der Altbürgermeister Sandstein. Aus rotem Mainsandstein entsteht derzeit „ein kubistischer Kopf“. „Mein Lieblingsstein aber ist der irische Limestone“, sagt er. Er sei schwarz und gut polierbar.

Für 2016 hat Günter Thönnessen ein ganz klares Ziel. Er möchte eine Ausstellung mit seinen besten Arbeiten organisieren. „Noch vor den Sommerferien“, stellt er klar. Unter Druck aber setze er sich nicht. Er möchte sich weiterhin wohlfühlen bei seiner steinigen Leidenschaft. Gestört wird Thönnessen ungerne in seiner Werkstatt. Er braucht die Zeit für sich und den Stein. Wenn man lange an einem Kunstwerk arbeitet, entstehe so etwas wie eine Beziehung zwischen dem Stein und dem „Bearbeiter“. Kein Wunder also, dass die geschaffenen Werke alle einen besonderen Stellenwert für den Künstler haben. Einen besonderen Wert hat der Faktor Zeit. Jetzt, im Ruhestand, kann sich der ehemalige Bürgermeister der Stadt Viersen viel intensiver um die Bildhauerei kümmern. Sein Lieblingstag dafür bleibt der Samstag. „Ich trinke meine Cola, nehme mir mein Butterbrot mit, pausiere mal im Sessel und höre während der Arbeit die Bundesliga-Konferenz im Radio.“ Ein gelungener Tag für den Mann, der elf Jahre die Geschicke der Stadt geleitet hat. Eine Zeit, in der er auch mal durchaus ungeduldig gewesen sei. Eine Eigenschaft, die er bei der Bildhauerei komplett ablegen kann. Eine Zutat für den Wohlfühlfaktor, den Thönnessen mit seiner künstlerischen Tätigkeit verbindet.

(Report Anzeigenblatt)