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Der Lehrer aus Syrien

Der Lehrer aus Syrien
Spaß auf allen Seiten: Foaz Alshaher liebt die Arbeit mit seinen Schülern. Fotos (2): Gina Dollen
Viersen. Eigentlich ist Foaz Alshaher Grundschullehrer. Doch in seiner Heimat Syrien herrscht Krieg – und der machte ihn zum Flüchtling. Jetzt beginnt er in Deutschland von vorne. Das Ziel: Zurück in seinen Traumberuf. Von Gina Dollen

Mit glänzenden Augen und voller Spannung blicken die Kinder der Agnes-van-Brakel Grundschule zu Foaz Alshaher, der gerade die Aufwärmübungen für die Sport-AG zeigt. Voller Elan wiederholen sie die Übungen, fragen schon aufgeregt, welche Spiele heute auf dem Programm stehen. Foaz Alshaher scheint völlig in seinem Element zu sein. Lächelnd und mit viel Ruhe erklärt er einem seiner Schüler, wie er die Übung richtig ausführt, beobachtet ganz genau, ob alle aufpassen und freut sich sichtlich, dass alle so motiviert dabei sind. Er ist Lehrer mit Herz und Seele – und jemand mit einer bewegten Geschichte.

Rückblick: Foaz Alshaher wusste schon immer, dass er Lehrer werden möchte. Mit Kindern arbeiten und ihnen etwas beibringen, das ist sein Traumjob. Nach der Schule studiert er Lehramt in seiner Heimat Syrien und beginnt dort als Grundschullehrer zu arbeiten. Doch schon nach kurzer Zeit kommt der islamische Staat in sein Heimatdorf Deir ez-Zor. Schulen werden geschlossen, die Einwohner unterdrückt, Foaz verliert seinen Job. Zwei Jahre lang ist er gezwungen, zu Hause zu bleiben, ohne Job, ohne Aufgabe. Eine schreckliche Situation für den ehrgeizigen Mann. „Ich konnte nicht nichts tun oder als Reinigungskraft arbeiten. Dafür habe ich nicht studiert“, berichtet er.

Sein Cousin war zu diesem Zeitpunkt schon seit einiger Zeit in Deutschland und berichtete immer davon, dass es dort wirklich toll sei. Nur die Sprache, die müsste man beherrschen und das sei nicht einfach. Foaz’ Entscheidung stand fest: Er würde fliehen. Kein einfacher Entschluss, denn seine Familie ließ er zurück. „Mein Vater sagte nur zu mir ’Mein Sohn, das ist unser Zuhause. Wir sind hier geboren und wir werden hier auch sterben’“, erzählt er nachdenklich. Einmal im Monat kann er heute, wenn es gut läuft, mit seiner Familie telefonieren. Teilweise hört er Monate lang nichts, weiß nicht, wie es seinen Lieben geht. Seine Entscheidung zur Flucht bereut er trotzdem nicht.

Gemeinsam mit einem Freund machte er sich zu Fuß und mit Bussen vor etwa zwei Jahren auf den Weg Richtung Türkei. Dann, auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland, kommt der Tiefpunkt der Flucht. Knapp zwei Kilometer vor dem Ufer geht der Motor des Bootes kaputt, Panik bricht aus. „Ich erinnere mich noch, dass sich alle gestritten haben, was wir jetzt tun sollen und wer ins Wasser springt, um anzuschieben. In dem Moment denkt jeder nur an sich und seine Familie. Gemeinsam mit ein paar anderen Männern bin ich dann einfach ins Wasser gesprungen“, erzählt Foaz ruhig. Dies sei der einzige Punkt gewesen, an dem er Angst hatte. „Auf dem kleinen Boot waren knapp 50 Menschen, viel zu viel. Es war ungefähr fünf Uhr morgens, kalt und dunkel. Ich kann mich noch daran erinnern, wie salzig das Wasser geschmeckt hat.“ Danach ging es weiter nach Ungarn. Besonders die Grenze zwischen Ungarn und Mazedonien war schwierig zu passieren. „Wenn einen die Polizei da schnappt, hat man keine Chance dort anzukommen, wo man eigentlich hin möchte. Dann bleibt man in Ungarn“, erklärt Foaz. Knapp acht Stunden versteckte er sich mit ein paar anderen im Wald, tankte ein bisschen Kraft, um an der Grenze entlang bis nach Budapest zu laufen. „Auf dem Weg hatten wir eine hochschwangere Frau dabei. Irgendwann konnte sie einfach nicht mehr laufen, befürchtete, ihr Baby zu verlieren. Da konnten wir ja nicht einfach weitergehen, wir sind schließlich alle Menschen. Also haben wir immer kleine Pausen gemacht oder haben uns mit Tragen abgewechselt.“

Auf die Frage, warum er denn auf der Flucht kaum Angst gehabt hätte, antwortet er mit verwundertem Blick: „Wir sind vor dem Tod geflüchtet, haben Bomben neben uns hochgehen sehen und in Waffen geblickt, die auf uns gerichtet waren“, antwortet er trocken. Außerdem habe er es noch gut getroffen. „Ein Freund von mir flüchtete mit seiner Frau und vier Kindern. In Deutschland angekommen ist er mit einem Kind.“ Foaz Alshaher versucht an allem das Positive zu sehen, dankbar zu sein. „Überall auf der Welt, in jeder Kultur, gibt es gute und schlechte Menschen. Ich versuche, mich an die Guten zu halten. Das hier ist mein persönlicher Neuanfang.“

In Deutschland angekommen, musste der gebildete Mann erkennen, wie hilflos er ohne die deutsche Sprache ist. „Es war mir unglaublich peinlich, bei Ämtern zu sitzen und kaum etwas zu verstehen. Nur ,Ja’, ,Hallo’ und ,Danke’ sagen zu können.“ Also begann er, nachdem er die Flucht einigermaßen verkraftet hatte, Deutsch zu lernen. Mit Erfolg. In unserem Gespräch macht er kaum Fehler, spricht fast fließend. „Ich mache immer noch Grammatikfehler, das ärgert mich total. Ich möchte die Sprache perfekt können“, sagt er lachend. Außerdem versucht er, so viele deutsche Kontakte wie möglich zu knüpfen. „Klar hab ich auch arabische Freunde, aber bei denen lerne ich die Sprache nicht“, sagt er. Nachdem die Sprache einigermaßen lief, absolvierte er ein Praktikum beim internationalen Bund und arbeitete dort wieder mit Kindern. Denn nach wie vor hatte er sein großes Ziel vor Augen: so schnell wie möglich wieder Lehrer sein.

In Viersen bekam er viel Unterstützung von verschiedenen Seiten. Seiner ersten Deutschlehrerin beispielsweise ist er mehr als dankbar. „Ich werde nie vergessen, was sie für mich getan hat. Ich habe hier einfach unglaubliche Menschen kennengelernt“, schwärmt er. Im Sommer lernte er dann Otto Strutz vom Hubert-Vootz-Haus in Viersen kennen. Eine für ihn schicksalhafte Begegnung. Foaz begann, bei Projekten mit den Kindern zu helfen, baute mit ihnen den Spielplatz in Beberich und half beim Kinderkochkurs. Seit kurzem leitet er nun zweimal die Woche die Sport-AG an der Agnes-van-Brakel Grundschule.

Doch sein Ziel ist noch nicht erreicht. „Das Zertifikat meiner Universität muss im Anerkennungsbüro in Detmold vorliegen, um als Pädagoge anerkannt zu werden. Doch meine Uni wurde vor sechs Jahren im Krieg zerstört. Nur in Damaskus liegen die Dokumente noch auf dem PC vor. Um diese zu bekommen, müsste ich aber persönlich vor Ort sein“, berichtet er. Jetzt versuchen er und seine Familie in Syrien alles, um die Dokumente zu bekommen. „Erst dann kann ich hier eine Weiterbildung machen, die mich in Deutschland als Grundschullehrer zertifiziert.“

Foaz kämpft weiter, immer positiv, getreu seinem „deutschen Motto“: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir werden ihn weiter begleiten – und wer weiß, vielleicht kann er schon bald wieder seinen Traumberuf ausüben und endgültig in der neuen Heimat Deutschland ankommen.

Kurz vor Redaktionsschluss erhielten wir die frohe Nachricht, dass Foaz in Duisburg einen Vertrag als Sozialpädagoge unterschrieben hat.

(Report Anzeigenblatt)