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Caritas will mit Gerüchten aufräumen

Caritas will mit Gerüchten aufräumen
Der Altbau des Irmgardisstifts soll an einen Investor verkauft werden. FOTO: Horst Grasemann
Viersen. Im Falle des wegen Brandschutzmängeln geschlossenen Altbaus des Irmgardisstifts in Süchteln hat der Caritasverband Kempen-Viersen nun ein Gutachten veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass die Mängel in der Brandschutzanlage des Gebäudes während der Sanierungsarbeiten zu Beginn der 1990er Jahre entstanden sind. Von der Redaktion

Mit der Veröffentlichung des Gutachtens möchte Peter Babinetz, Geschäftsführer des Caritasverbands der Region Kempen-Viersen, vor allem zwei Dinge bewirken: „Die öffentliche Diskussion um die Gründe für die Schließung des Altenheims auf eine sachliche Ebene zurückführen - und mit Gerüchten aufräumen“, so Babinetz am Freitag während einer Pressekonferenz im Mehrgenerationenhaus der Caritas an der Heierstraße.

Zu dieser hatte Babinetz auch Diplom-Ingenieur Georg Spennes eingeladen, staatlich anerkannter Sachverständiger für die Prüfung des baulichen Brandschutzes und Ersteller des Gutachtens im Auftrag der Caritas. Er stellte klar: „Bei den Begehungen im Bestandsgebäude des Irmgardisstiftes wurde eine große Anzahl brandschutztechnischer Mängel festgestellt. Diese sind zum Teil so gravierend, dass eine Gefahr für Leib und Leben im Falle eines Brandausbruchs für die Nutzer des Gebäudes nichts ausgeschlossen werden kann.“

Brandschutztechnisch höchst bedenklich seien vor allem die Decken des Gebäudes, die zwar auf den ersten Blick der geforderten Norm entsprächen, auf den zweiten Blick jedoch aus brandschutztechnischer Perspektive absolut mangelhaft seien. „Wir reden hier zwar von robuste Stahlbetondecken, jedoch sind diese ’alle Nase lang’ von Leitungen, Schächten und Rohren durchbrochen, deren Löcher teilweise nur notdürftig mit PU-Schaum zu gemacht wurden“, sagte Spennes.

Dies sei, so das Ergebnis seines Gutachtens, während der Sanierungsarbeiten an dem Gebäude in den Jahren 1990/1991 geschehen. Damals waren unter anderem neue Nasszellen für die Bewohner eingebaut worden.

„Die hier eingebauten Abflüsse entsprechen nicht der Brandschutznorm F90. Diese besagt, dass eine Decke unter vollem Feuer 90 Minuten lang dem Brand standhalten muss. An den untersuchten Decken kann man aber allenfalls salopp gesagt von einem Niveau von F-nichts sprechen. Der Bauleiter damals hätte dafür sorgen müssen, dass diese Normen eingehalten werden“, so Spennes weiter.

Noch problematischer sei das Dachgeschoss. Diese entspräche ebenfalls nicht den brandschutztechnischen Vorgaben, da es von einer Holzbalkendecke getragen werde. Außerdem ist das Treppenhaus ebenfalls aus Holz - und mit der Holzbalkendecke des Daches verbunden. Außerdem seien die Stahlbetondecken zwischen den anderen Etagen nicht durchgängig bis zum Fahrstuhlschacht durchgezogen worden. Im Falle eines Brandes würde sich hierüber innerhalb von Sekunden der Rauch im gesamten Gebäude verteilen.

Spennes verdeutlichte sein Gutachten durch das Szenario eines Blitzeinschlags im Dachstuhl. In diesem Fall stünde dieser in wenigen Minuten in Flammen, und die Treppe als Fluchtweg würde ebenfalls in kurzer Zeit nicht nutzbar sein.

„Sollte es durch einen Blitzeinschlag zu einem Dachbrand in dem Gebäude kommen, hätten wir eine nicht mehr zu managende Geschichte und eine erhebliche Gefahr für das Leben der in dem Gebäude befindlichen Personen. In meinen Augen konnten die Betreiber des Hauses gar nicht anders reagieren, als die Menschen aus dem Haus zu evakuieren und es zu schließen.“

Auch eine Brandwache sei nicht in der Lage, die Sicherheit der Bewohner in so einem Szenario sicherzustellen, so Spennes.

In diesem Gutachten heißt es, die Ursache sämtlicher brandschutztechnischer Mängel seien auf Planungs- und Ausführungsfehler bei der Sanierung des Gebäudes Anfang der 1990er Jahre zurückzuführen.

„Mit der Veröffentlichung dieses Gutachtens möchten wir den Vorwurf zurückweisen, die Mängel intakter Brandschutzmaßnahmen seien erst durch den Rückbau des Altbaus im Zuge der Sanierungsarbeiten für den geplanten Umbau des Gebäudes in diesem Jahr entstanden“, sagte Cariats-Geschäftsführer Peter Babinetz.

Bleibt die Frage, weshalb die Mängel in den vergangenen 25 Jahren niemandem aufgefallen waren. So sei in den Bauakten des Gebäudes beispielsweise alles in Ordnung. „Anfang der 1990er Jahre wurden brandschutzrechtliche Kontrollen während der Bauphase nicht in dem Maße durchgeführt, wie heute“, wagte Spennes einen Erklärungsversuch. Und bei den routinemäßigen Brandschutzkontrollen der Feuerwehr würde allenfalls kontrolliert, ob Fluchtwege frei zugänglich wären, ob es genügend Feuerlöscher gebe oder ein Löschen eines Brandes ohne Probleme möglich sei. Die meisten Mängel seien erst durch die Demontage der Abhangdecken sichtbar geworden. „Weshalb allerdings bei den vorgeschriebenen Prüfungen durch die Bauaufsicht die Mängel nicht erkannt wurden, ist mir unerklärlich“, so Spennes. Diese müsse in einem festen Turnus alle fünf Jahre unter Beteiligung der Feuerwehr erfolgen.

Peter Babinetz hofft nun, einen Investor zu finden, der den Altbau kauft. „Die Gerüchteküche in der öffentlichen Debatte ist für die Gespräche sicher nicht förderlich“, so der Geschäftsführer des Caritasverbands, der nun auf Bitten der Bürgermeisterin Sabine Anemüller den Fragen des Rates in der nächsten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses Rede und Antwort stehen soll. Peter Babinetz möchte auch hier für Klarheit sorgen, stellt aber klar: „Ein Einladung zu einer solchen Sitzung habe ich bislang nicht erhalten, sondern darüber nur aus der Zeitung erfahren.“

(StadtSpiegel)