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Alltag hinter Gittern und Mauern

Alltag hinter Gittern und Mauern
Eines der Stationsgebäude der forensischen Psychiatrie. Hier befinden sich Patientenzimmer, Therapie- und Gemeinschaftsräume. FOTO: LVR-Klinik Viersen
Süchteln. Für eine Handvoll ausgewählter Journalisten öffneten sich die Türen der forensischen Psychiatrie der LVR-Klinik Viersen. Der Extra-Tipp war dabei und berichtet vom Alltag hinter Gittern und hohen Mauern. Von Sandra Geller

Von der Werkstatt führt der Rundgang weiter zu den Stationsgebäuden, die sich um einen Innenhof gruppieren. Hier und da gibt es einige Grünflächen und Sitzgelegenheiten, aber die Zäune und Mauern bleiben allgegenwärtig. Sicherheitsfachkraft Michael van Holt macht auf die zahlreichen Kameras über den Ein- und Ausgängen aufmerksam: Hier tut niemand unbemerkt einen Schritt.

Ausbrüche hat es aus diesem Hochsicherheitsbereich in den letzten Jahren nicht mehr gegeben. „Wenn wir eine Entweichung haben, dann sind das meist Patienten im gelockerten Maßregelvollzug zum Ende ihrer Behandlung hin“, betont Klaus Lüder, der zuständige LVR-Fachbereichsleiter. Gelockert heißt in diesem Zusammenhang, die Patienten haben Freigang, leben bereits in einer Wohngruppe oder sogar in ihren eigenen vier Wänden. Und Entweichung heißt, sie entziehen sich der Nachsorge bzw. ihrer Weiterbehandlung. In allen Kliniken des Landschaftsverbandes gab es im vergangenen Jahr 44 Entweichungen bei rund 1.507 Patienten.

Dr. Heike Guckelsberger geht zielstrebig auf eines der flachen Gebäude zu. Es ist Mittagspause. Eine Gruppe von jungen Männern sitzt in der Sonne, raucht, unterhält sich. Es wird freundlich gegrüßt. Die Situation ist entspannt, fast fällt es schwer zu glauben, dass jeder einzelne hier eine schwere Straftat begangen hat. „Wir verurteilen jedes Delikt, aber nicht den Menschen, der dahinter steht“, sagt die Chefärztin entschieden. Es gäbe gute Gründe, warum ein Mensch so geworden ist, wie er ist – „und die versuchen wir zu verstehen“, betont Guckelsberger.

Wer sich im Maßregelvollzug befindet, der hat eine lange Verweildauer vor sich. Durchschnittlich zehn Jahre dauert die Behandlung, manche Patienten verbleiben sogar ihr Leben lang in der Klinik. Oberstes Ziel der Therapie: Draußen ein straffreies Leben führen. „Dazu gehört auch, dass die Patienten lernen, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern, ihre Emotionen zu kontrollieren und Empathie für das Opfer zu entwickeln“, ergänzt Dr. David Strahl, Chefarzt der Forensik II.

Auf der Therapiestation, die wir besichtigen, leben 23 Patienten, die an Psychosen erkrankt sind. Ihr Tagesablauf wird jeweils individuell festgelegt, therapeutische Maßnahmen und Freizeitaktivitäten sollen sich sinnvoll ergänzen. Das Sozialverhalten innerhalb Gruppe ist ein wichtiger Aspekt, so werden beispielsweise alle Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, „das ist für viele ganz neu“, sagt die Pflegedienstleiterin Renate Henrichs. Es gibt Rechte, aber auch Pflichten, etwa den Küchendienst oder das Putzen der Zimmer.

Täglich finden begleitete Ausgänge auf das Klinikgelände statt, wer sich im gelockerten Maßregelvollzug befindet, darf außerdem dreimal wöchentlich in die Stadt, natürlich nur in Begleitung des Pflegepersonals. Besuch dürfen die Patienten jederzeit empfangen, sofern der Tagesablauf dadurch nicht gestört wird. Hierfür stehen eigene Räume zur Verfügung. Telefoniert werden kann auch, aber nur mit dem Stationstelefon. Smartphone, Tablet, Laptop oder ähnliches sind streng verboten.

Die neun Doppel- und fünf Einzelzimmer sind zweckmäßig eingerichtet – Bett, Schrank, Tisch und Fernseher, nebenan eine kleine Nasszelle mit WC und Waschbecken. Auf dem Flur befinden sich die Gemeinschaftsduschen. Schließzeiten sind von 20.30 Uhr bis 6.15 Uhr. Einmal pro Woche finden Zimmerkontrollen statt – per Zufallsprinzip. Besteht der Verdacht auf verbotene Substanzen (Alkohol, Drogen etc.) natürlich auch außerhalb der Regel.

Weiter geht die Führung die Treppe runter zu den beiden Krisenzimmern. Die schwere Stahltür verheißt nichts Gutes, der Anblick des Raumes noch weniger. Spätestens jetzt wird deutlich, dass Maßregelvollzug kein Jugendherbergsausflug ist. Der Raum ist kameraüberwacht, in einer Ecke Edelstahltoilette und Waschbecken. Zwei Schaumstoffwürfel dienen als Tisch bzw. Sitzgelegenheit. Am Bett sind Fixierungsgurte angebracht. Wer ins Krisenzimmer verlegt wird, ist entweder suizidgefährdet oder es geht eine akute Fremdgefährdung von ihm aus. Anordnen dürfen diese Maßnahme nur die Chefärzte, außerdem muss der Träger seine Genehmigung erteilen.

(Report Anzeigenblatt)