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Alltag hinter Gittern und hohen Mauern

Alltag hinter Gittern und hohen Mauern
Der Eingangsbereich der forensischen Psychiatrie. Außer den Mitarbeitern müssen alle den Sicherheitsbereich an der Pforte passieren. FOTO: LVR-Klinik Viersen
Süchteln. Wie lebt es sich hinter dicken Betonmauern und vergitterten Fenstern? Wie sieht der Alltag im Maßregelvollzug aus? Was wird getan, damit sich die Viersener Bürger sicher fühlen können? Antworten auf diese und andere Fragen gab ein exklusiver Journalistentag in der forensischen Psychiatrie der LVR-Klinik Viersen. Von Sandra Geller

Die Sonne scheint auf den zweckmäßigen Klinkerbau an der Johannisstraße in Süchteln. Lieferanten kommen und gehen, es herrscht geschäftsmäßiges Treiben. In wenigen Minuten darf eine Handvoll Journalisten die forensische Psychiatrie betreten; dorthin, wo die Öffentlichkeit sonst nicht hinkommt. Aus gutem Grund. Alle der 177 Patienten (ausschließlich Männer) haben eine schwere Straftat begangen, sind aber aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung für schuldunfähig oder vermindert schuldfähig erklärt worden. Körperverletzung, Sexualdelikte, Straftaten gegen das Leben, also Mord oder versuchter Mord, Raub, Erpressung und Brandstiftung – „das Strafgericht hat den Maßregelvollzug angeordnet, weil sie wegen ihrer Erkrankung gefährlich für die Allgemeinheit sind“, gibt Klaus Lüder, zuständiger Fachbereichsleiter beim LVR, Auskunft.

Entsprechend hoch sind die Sicherheitsvorkehrungen an der Pforte. Einlass bekommt nur, wer angemeldet war und sich ausweisen kann. Handys und Taschen müssen in Schließfächern verstaut werden, anschließend geht es durch einen Scanner. Alles, was in irgendeiner Form als Waffe zweckentfremdet werden kann, ist verboten, natürlich auch Alkohol, Drogen oder sonstige Betäubungsmittel. „Durch diese Tür müssen alle durch, egal ob Besucher, Patienten oder Anwälte“, informiert Michael van Holt, Sicherheitsfachkraft der LVR-Klinik. Ausnahmen gibt es nur für das Personal; bei jedem Schichtwechsel das aufwendige Sicherheitsprozedere durchzuführen, würde einfach zu viel Zeit kosten.

Dr. Heike Guckelsberger führt die Gruppe durch die Klinik. Sie ist Chefärztin der Forensik I für Patienten mit Psychose-Erkrankungen wie Schizophrenie, wahnhaften Störungen oder Halluzinationen. Fünf Stationen mit 71 Behandlungsplätzen stehen zur Verfügung. Dr. David Strahl leitet die Forensik II für Patienten mit Persönlichkeitsstörungen. Hier gibt es sechs Stationen mit 83 Behandlungsplätzen und die Jugendforensik mit zwölf Plätzen. Eine Erweiterung auf 24 Plätze ist geplant; der Bedarf ist vorhanden. Übrigens kann man bereits ab einem Alter von 14 Jahren in den Maßregelvollzug überstellt werden.

Erste Station des Rundgangs sind die beiden Klassenzimmer. Fast alle der Patienten haben eine Schulabbrecherkarriere vorzuweisen und erhebliche Bildungsdefizite. „Besonders hoch ist der Anteil, die nicht lesen und schreiben können“, sagt May-Britt Böttcher, eine der beiden Lehrerinnen. Bildung und Ausbildung als wichtige Faktoren für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft - das ist das Ziel des Angebotes. Darüber hinaus werden hier auch Kernkompetenzen wie Kontinuität, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Durchhaltevermögen trainiert. Alles freiwillig – „wir können niemanden zum Lernen zwingen“, betont ihre Kollegin Gisela Zangers. Allerdings sei eine gute Mitarbeit zwingend erforderlich für eine positive Prognose und damit für die Entlassung.

Der Unterricht wird meistens einzeln erteilt. Ob May-Britt Böttcher keine Angst habe, mit dem Patienten alleine in einem Raum zu sein, fragt einer der Journalisten. „Nein“, sagt die zierliche Frau entschieden, für den Notfall trage aber jeder Mitarbeiter ein sogenanntes Personensicherheitsgerät mit sich herum. Drückt man den roten Knopf, ist eine fünfköpfige Alarmgruppe in ein bis zwei Minuten vor Ort. Das Gerät zeigt dabei ganz genau an, wer an welchem Ort gerade Hilfe benötigt.

„Ich hatte noch nie Angst, neben einem Patienten zu stehen“, sagt auch Ergotherapeut Roland Dahmen. Er arbeitet in der Werkstatt (Arbeitstherapie), wo kleine Auftragsarbeiten aus den Bereichen Industrie, Holz, Papier und Pappe verrichtet werden. Wer hier arbeiten darf, hat bereits deutliche Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht. Das ist auch zwingend erforderlich, denn speziell für die Schreinerei werden Werkzeuge benötigt, die ohne Probleme auch als Stichwaffe eingesetzt werden könnten. Sicherheit wird hier wie überall groß geschrieben: „Bevor die Patienten zurück auf ihre Stationen gehen, kontrollieren wir selbstverständlich, ob sie ihr Werkzeug zurück in den Schrank gelegt haben“, betont Dahmen. Vorher dürfe niemand die Werkstatt verlassen

(Report Anzeigenblatt)