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Ein Ehrenamt, das satt macht

Ein Ehrenamt, das satt macht
Michaela Mackes, Maria Kamps und Yasser Dahal (von links) helfen ehrenamtlich bei der Essensausgabe. FOTO: Simone Krakau
Schwalmtal. Gemeinsam gegen den Hunger: Ohne die Tafel wüssten viele Menschen nicht, wie sie über die Runden kommen sollten. Seit April diesem Jahres findet die Ausgabe des Vereins Schwalmtal nun nicht mehr in Amern, sondern auf der Schulstraße 52, in der alten Hausmeisterwohnung an der Europaschule in Waldniel statt. Die Nachfrage ist groß – doch lange nicht alle Bedürftigen nehmen das Angebot an. Von Simone Krakau

Das Obst und das Gemüse liegt bereits in den Regalen, zig Laibe Brot und zahlreiche Kartons mit Eiern wurden bereits sorgfältig von den Ehrenamtlern in die Auslage des kühlen Ausgaberaumes einsortiert. Neben den saftigen Tomaten liegen gut sortierte Pfirsiche. Im Regal darunter gibt es heute große Orangen, abgepackte Bohnen und dunkelviolette Auberginen. Auch in dieser Woche wird wohl keiner der bedürftigen Schwalmtaler mit leeren Tüten nach Hause gehen – die Auswahl ist groß.

"Gleich kann es eigentlich losgehen", sagt Bernd Zenner, Vorsitzender der Schwalmtaler Tafel. "Gleich" ist um 14 Uhr, so wie jeden Donnerstag. Schon seit heute früh ist der Rentner für die Schwalmtaler Tafel auf den Beinen. Nachdem er am Morgen erst einmal alle Supermärkte im Ort abgeklappert hat, um die Lebensmittelspenden einzusammeln, ging es für ihn, zurück in der Ausgabestelle, gleich ans sorgfältige Sortieren: Ist ein Pfirsich matschig, kommt dieser sofort weg. Sind die Bananen braun, müssen diese natürlich auch aussortiert werden. Krumme Gurken und unförmiger Brokkoli landen hier aber glücklicherweise nicht direkt in der Tonne. "Das Gemüse spenden die Bauern manchmal, da sie dieses dann so nicht mehr an die Supermärkte verkaufen können", sagt Zenner. Schmecken tut es aber genauso.

Vor dem Haus auf der Schulstraße 52 haben sich bereits die ersten Bürger versammelt, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Eine junge Mutter wartet dort mit ihrem kleinen Kind, auch viele ältere Menschen möchten ihren Kühlschrank füllen. Etwa 65 Menschen, die von Harz IV, Arbeitslosengeld oder geringem Einkommen leben müssen, nehmen das Angebot der Tafel regelmäßig an. "Das sind aber nicht alle, die eigentlich auf unsere Hilfe angewiesen sind", sagt Bernd Zenner. "Viele Menschen fühlen sich gehemmt und haben Angst gesehen zu werden."
Um möglichst als einer der ersten Einkäufer in den Ausgabereich zu gelangen, muss man sich vorab anmelden. Ab 12 Uhr sitzt Zenner mit einer Liste im Eingangsbereich, in die man sich eintragen kann. "Wer als erstes auf der Liste steht, darf auch ab 14 Uhr als erstes rein." Heute stehen drei junge Männer ganz oben auf der Liste. Sie haben große Tragetaschen mitgebracht, in der Hoffnung, diese heute gut zu füllen. Sie sprechen gebrochenes Deutsch, dennoch funktioniert die Verständigung zwischen den Ehrenamtlern und den Einkäufern bestens. "Hühnchen, bitte", sagt einer der jungen Männer. "Und eine Zucchini." Für den Fall, dass es dann doch einmal Sprachbarrieren gibt, haben die Ehrenamtler vorgesorgt: An der Wand hängt ein Schild mit einem selbstgezeichneten Fisch, einem Huhn und einem Schwein. Auch Süßigkeiten aus der Osterzeit werden den Männern mitgegeben – vom Verfallsdatum sind diese noch weit entfernt. Bei den Broten dürfen sie heute besonders zulangen und auch Salatköpfe gibt es mehr als genug.
Für den Einkauf zahlen alle Bedürftigen einen Obolus von 1,50 Euro. Ein fairer Betrag, findet Zenner. "Meist kommen die Leute mit der Nahrung gut eine Woche hin."
 2016 gründete die mittlerweile verstorbene Anni Bühl die Ausgabestelle in Amern, die damals noch zu der Viersener Tafel gehörte. 2007 wurde dann der Verein Schwalmtaler Tafel gegründet. Insgesamt sorgen abwechselnd 35 Ehrenamtler jeden Donnerstag dafür, dass Bedürftige in Schwalmtal nicht hungern müssen.
Zenner ist seit mittlerweile elf Jahren dabei. Was ihn gar nicht erst ans Aufhören denken lasse, sei ganz besonders die Dankbarkeit der Menschen. "Die Leute sind nett, freundlich und wir erfahren immer sehr viel Dankbarkeit", so der Vorsitzende. "Wir treten allen aber auch mit Respekt gegenüber."

(StadtSpiegel)