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Hier ist man einfach Mensch

Hier ist man einfach Mensch
Ehrenamtliche Helferinnen helfen beim Tanzen mit dem Rollstuhl. Beim Tanzcafé gibt es für ein paar Stunden keine Hürden. FOTO: Gina Dollen
Elmpt. Wenn das Vergessen zum Alltag gehört und Kleinigkeiten zu großen Aufgaben werden, dann braucht es einen Ort, an dem man sich fallen lassen und einfach Mensch sein kann. Genau dafür gibt es das Tanzcafé. Von Gina Dollen

Demenz – eine Krankheit, die das gesamte Leben der Betroffenen und deren Angehörigen auf den Kopf stellt. Nichts ist mehr wie vorher, die Erinnerungen wie wegradiert. Doch so tief vergraben manches auf einmal sein mag, so gibt es etwas, das wahre Wunder bewegen kann: Musik und Tanz. Genau das nutzen nun die Betreiber vom Tanzcafé in Elmpt .

Aus einer Schulungsreihe für Angehörige von Demenzkranken entstand 2016 die Idee zum Tanzcafé. Dabei geht es um therapeutische Maßnahmen durch Bewegung und Musik. Darum, die Krankheit, zumindest für eine Zeit lang zu mildern, und zwar ohne Medikamente. Durchgeführt wird das Angebot auf ehrenamtlicher Basis von der evangelischen Kirchengemeinde Brüggen-Elmpt und der Pflege- und Seniorenberatung der Gemeinde Niederkrüchten.

Im evangelischen Gemeindehaus in Elmpt erwartet die Besucher eine entspannte und familiäre Atmosphäre. Während Gerd Smets am Klavier alte Klassiker singt, tummeln sich auf der Tanzfläche Angehörige, Betroffene und Tanzbegeisterte zugleich. Ob mit oder ohne Rollstuhl, alleine oder zu zweit – was zählt, ist das Gefühl von Zufriedenheit und Wohlbefinden. "Die Musik in Zusammenhang mit der Bewegung geht direkt in die Seele. Die Zeit hier ist eine Entlastung, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen", sagt Marion Küpper, eine der Veranstalterinnen und Senioren- und Pflegeberaterin der Gemeinde Niederkrüchten. Wer im Alltag mehr und mehr zur Pflegeperson geworden ist, kann hier wieder einfach nur Partner sein.

Das besondere an der Musik: Menschen, die schon lange mit dem Vergessen kämpfen, erinnern sich. Melodien und Liedtexte kommen wie selbstverständlich über die Lippen und ziehen meist ein kleines, aber deutliches Lächeln mit sich. Hier braucht es keine Worte, keine Verständigung. "Ein Betroffener, der im Rollstuhl sitzt, war einmal mit seiner Frau auf der Tanzfläche. Auf einmal erinnerte er sich an ein ganz bestimmtes Lied und versuchte aufzustehen, um mit seiner Frau zu tanzen – und plötzlich stand er da, in den Armen seiner Frau", berichtet Marion Küpper mit einem Glänzen in den Augen. So wird auch das Selbstwertgefühl der Betroffenen auf eine besondere Art gestärkt.

Neben der Tanzfläche essen einige der Besucher gemeinsam Kuchen, tauschen sich über ihre Probleme und Sorgen aus oder plaudern einfach mal ausgelassen, fernab vom Alltag. Wer möchte, kann sich auch von den Senioren- und Pflegeberaterinnen der Gemeinde Niederkrüchten, Marion Küpper und Klara Horrichs, zum Umgang mit der Krankheit beraten lassen, während sich ehrenamtliche Helferinnen um die Betroffenen kümmern. "In den Gesprächen werden teilweise sehr persönliche Dinge ausgetauscht. Dieses Vertrauen ist ein tolles Gefühl", erklärt Marion Küpper.

"Die Menschen hier sind wie eine große Familie. Hier habe ich gelernt, mit dem Rollstuhl zu tanzen und freue mich jedes Mal wieder über das Strahlen im Gesicht meiner Mutter", erzählt Ute-Doby Perlick, die schon lange mit ihrer demenzkranken Mutter zum Tanzcafé kommt. Hans-Werner Körner hingegen ist zum ersten Mal da. "Meine Frau ist sehr krank und ich wollte einfach mal sehen, ob das hier was für uns ist", erklärt er. Auf der Suche nach Hilfe und Ratschlägen ist er auf das Tanzcafé aufmerksam geworden und ist sich nach diesem Besuch sicher: "Ich komme wieder, denn meiner Frau wird es hier gefallen."

Das Tanzcafé ist für jeden offen. "Was zählt, ist die Gemeinschaft und, dass wir die Demenz in die Gemeinde holen. Wir bauen hier ein Forum zur Begegnung auf", betont Marion Küpper. Die nächsten Termine für das Tanzcafé im evangelischen Gemeindehaus, Schillerstraße 1 in Niederkrüchten, sind jeweils sonntags, 22. Oktober, 19. November sowie am 17. Dezember.

(StadtSpiegel)