| 08.51 Uhr

Weniger Bewerbungen für Pflegeberufe

Weniger Bewerbungen für Pflegeberufe
Wie soll die Arbeit in der Pflege in Zukunft aussehen? Nicht nur diese Frage wurde bei der Podiumsdiskussion gestellt. Der DGB NRW hatte eingeladen. FOTO: Björn Rudakowski
Kreis Viersen. „Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, ist wohl der älteste Witz unter Statistikern. Prof. Dr. Michael Isfort ist Statistiker und gehört damit jener Spezie an, die aus einem Datensatz und Wust an Zahlen versucht, Rückschlüsse auf unser Leben zu ziehen. Von der Redaktion

Prof. Dr. Isfort ist neben Doktor der Gesundheitswissenschaften und diplomierter Pflegewissenschaftler auch Krankenpfleger und arbeitet am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung.

Die Bezirksregierung in NRW greift seit Jahren auf seine Erhebungen und Statistiken zurück. Regierungen trauen gerne den Daten der Institute, die sie zu Studienzwecken finanzieren und beauftragt haben. Viele Forscher, egal, wer letztlich ihre Auftraggeber waren, haben in den vergangenen Jahrzehnten die teilweise dramatischen Folgen des demografischen Wandels für unsere Gesellschaft aufgezeichnet.

In Viersen wird der Bevölkerungsanteil der 80- bis 101-Jährigen bis 2030 auf 6 500 ansteigen. Laut Isforts Erhebungen wird bis 2040 in Viersen der Anteil an Pflegebedürftigen auf 37 Prozent steigen. Erfreulich ist, dass die Auszubildendenzahlen seit 2011 in der Altenpflege ansteigen. Die Zahlen in der Kranken- und Kinderkrankenpflege steigen dagegen seit Jahren nicht mehr.

Der jüngst erschienene fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung legt offen, dass Altersarmut in Deutschland zunehmen wird, was in letzter Konsequenz bedeutet, dass immer weniger Bürger, ihren Platz im Altenheim selbst finanzieren werden können.

Der DGB NRW lud letzten Sommer Spitzenpolitiker zum Thema: „Arbeit der Zukunft gestalten“ nach Oberhausen ein. In einer sehr respektvollen und sachlichen, von Judith Schulte-Loh moderierten Diskussionsrunde, forderte Britta Haßelmann, von Bündnis 90/ Die Grünen ihre Kollegen Klaus Ernst (Die Linke), Johannes Vogel (FDP), Michael Groschek, neuer Vorsitzender der SPD in NRW, und Karl-Josef Laumann, neuer Arbeitsminister in NRW der CDU, auf, in Sachen Pflege endlich gemeinsam zu handeln. Die Politik dürfe keinen Verschiebebahnhof der Verantwortlichkeiten erbauen, in dem die Kommunalpolitik auf die Landes-, und die Landespolitik auf die Bundespolitik und deren Zuständigkeiten verweisen. Die Personalbemessung in der Pflege müsse endlich bundesweit geregelt und dem Fachkräftemangel entschieden entgegengewirkt werden.

Wie wichtig dies ist, weiß auch Stefan Russmann, stellvertretender Pflegedienstleitung im Städtischen Krankenhaus Nettetal: „Offene Stellen konnten wir nicht wie früher immer zeitnah mit dreijährigen Pflegekräften besetzen, sondern mussten Vakanzen mit einjährigen Kräften überbrücken. Die Anzahl von Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen ist schon deutlich zurückgegangen“, stellt er fest. „Wir freuen uns, dass sich einige Flüchtlinge für den Pflegeberuf interessieren. Einen jungen Mann aus Eritrea haben wir bereits zum Gesundheits- und Krankenpflegeassistenten ausgebildet und übernommen. Einen zweiten bilden wir aktuell aus. Im kommenden April wird eine weitere junge Frau aus Sri Lanka die einjährige Ausbildung bei uns beginnen“, erklärt Russmann, „der Fachkräftemangel macht auch nicht vor dem Kreis Viersen halt.“ Die Politik müsse dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Die Bürger sollten nicht aufhören, dies einzufordern.“

Josef Laumann, der selbst im Betriebsrat war, glaubt, dass in den Berufen, in denen die gewerkschaftliche Organisation hoch ist, eine bessere Lohnentwicklung zu erzielen ist, als in Berufen, wo diese niedrig ist. In der Pflege, stellten die Politiker allesamt fest, sei leider Letzteres der Fall. Michael Groschek will auf dem Arbeitsmarkt beobachtet haben, dass Arbeitnehmer, die Betriebsräte bilden wollen, massiv von Arbeitgebern unter Druck gesetzt werden.

Ob dies für den Bereich Nettetal in den stationären Altenpflege-Einrichtungen der Fall ist, ist pure Spekulation. Fakt ist jedoch, dass nur eines von vier Altenheimen eine Interessenvertretung besitzt.

Laumann ist überzeugt, dass die derzeitige Regierung mit dem Pflegestärkungsgesetz I-III und dem Pflegeberufegesetz auf dem richtigen Weg sei. „Durch das Pflegeberufegesetz werden die Altenpflegeberufe wesentlich besser finanziert“, sagt der Minister für Arbeit/ Gesundheit/ Soziales, Europa und Umwelt in NRW.

(StadtSpiegel)