| 13.22 Uhr

Unendliche Friedlichkeit

Unendliche Friedlichkeit
Der Tannenbaum mit all den schön verpackten Geschenken darunter ist stets der Mittelpunkt des Weihnachtsfestes.
Kreis Viersen. Rituale prägen den heutigen und die beiden kommenden Tage. Jede Familie, jedes Paar, jeder Mensch macht sich schon weit vorher Gedanken, wie das Weihnachtsfest gestaltet werden soll. Von Ulrich Rentzsch

Unsere, sagen wir einmal kleine Familie, saß am Esstisch. Das gute Geschirr wurde aus den Schränken hervorgeholt. Die feinen, golden erscheinenden Ränder von Tasse und Teller flackerten im Kerzenlicht. Der Stollen, nach Onkel Mennes Rezept gebacken, lag in Scheiben geschnitten auf einem großen Teller, verziert mit einigen Plätzchen. Die Dämmerung war längst übers Land gezogen. Jeder von uns wusste, wie der Tag, wie dieser Abend verlaufen würde. Diese Kaffeetafel war schon der zweite Schritt, denn gerade noch war die Familie unterwegs gewesen in den nahe liegenden Wäldern und hatte das feuchte Laub durcheinander gewirbelt. In den Gesprächen hatten alle das Jahr Revue passieren lassen oder sich mutig zu einer Prognose für das kommende hinreißen lassen.

Jetzt leuchteten die Kerzen. Weil die Erwartungen an die kommenden Stunden schon allen wegen der bekannten Abläufe in die Höhe stiegen, saß eine unerklärliche Unruhe mit am Tisch. Vor allem die Kinder rutschten auf den Stühlen hin und her. Hände wurden unter die Oberschenkel geschoben, die Augen suchten einen Halt. Es ist vorgekommen, dass die Gespräche nicht mehr die Tiefe erreichten, wie noch vor wenigen Stunden auf den Hinsbecker Höhen. Die positive Nervosität setzte sich mit an den Tisch.

Dann wurden die Kinder auf ihre Zimmer geschickt, das Wohnzimmer war jetzt ganz klar Elterngebiet. Vermutlich jetzt zündete Vater die Kerzen am Weihnachtsbaum an, jetzt räumte Mutter die Geschenke aus den Verstecken hervor und legte sie sorgfältig um den Baum. Rotes, grünes Papier verhinderte die Kenntnis davon, was sich hinter der Verpackung verbarg. Auch die Kinder hatten Geschenke längst eingepackt. Und warteten.

Dann läutet Mutter mit einem Glöckchen. Jetzt ist es so weit. Ganz bedächtig setzen wir einen Fuß vor den anderen die Treppe hinunter. Durch das milchige Glas der Wohnzimmertür scheint Kerzenlicht. Die Tür ist nur angelehnt. Wir sehen den geschmückten Baum. Jetzt stehen alle im Wohnzimmer. Wir umarmen uns. Feierlichkeit macht sich breit und lässt noch ein wenig Platz für ein Gefühl, das nicht weiß, wohin mit den Händen. Und dann, wie in einem schnellen Fluss, verwandelt sich alles in eine unendliche Friedlichkeit. Wir sprechen es nicht aus,

aber wir fühlen Weihnacht.

(Report Anzeigenblatt)