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Die Pflege muss es uns wert sein

Die Pflege muss es uns wert sein
Der Pflegeberuf steht definitiv in der Diskussion, dennoch fanden nur wenige den Weg in das Hinsbecker Jugendheim, wo Björn Rudakowski (stehen Mitte hinten) eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema leitete.
Nettetal. Zum zweiten Mal bot der 48-jährige Krankenpfleger Björn Rudakowski, der 2016 die Initiative „Stadt und Pflege“ in Nettetal ins Leben gerufen hat, drei Tage Aktion rund um den Pflegeberuf an. Teil dieser Aktionstage war, auch in diesem Jahr wieder, eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion mit Vertretern der Politik und den Berufsverbänden der Pflege zum Thema „Sozialstaat und Pflege im Schatten des Populismus?“ Von der Redaktion

Die äußerst interessante Diskussion wurde nur von wenigen Bürgern besucht, so dass der Eindruck entstand, dass diejenigen, um die es eigentlich ging, die Pflegekräfte, nicht zugegen waren.

„Ja, das ist bedauerlich, wird mich aber nicht davon abhalten, auch 2018 weiter zu machen, denn das Thema Pflege wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden, und ich bin sehr dankbar, dass ich die Unterstützung von den Besuchern, die gekommen sind und den Podiumsdiskussionsgästen erhalten habe“, bedankt sich Björn Rudakowski, der seinen Beruf seit 26 Jahren ausübt.

Dr. Marcus Optendrenk (CDU) glaubt, dass der Dialog unbedingt mit allen Betroffenen in der Pflege geführt werden muss. Auf die Frage, ob mit der CDU eine gesetzliche Personalbemessung in der Pflege möglich sei, stellt er fest, dass er ein großer Freund von Tarifautonomie und dem Subsidiaritätsprinzip sei. „Wenn die nicht mehr greifen, muss der Staat ran. Das sehe ich im Moment noch nicht“, sagt Optendrenk.

Heinz-Günter Niehus, Vorstand des Förderverein Pflegekammer NRW, lenkte die Diskussion wieder auf das Thema Pflege, als Joachim Bähren (AfD) die Frage, ob Politik auch ohne Populismus auskommen kann, dazu nutzte, die Presse zu kritisieren, weil er eine Vorverurteilung ins rechtsextreme Lager, im Zusammenhang mit dem Attentat auf den BVB-Bus, bemerkt haben will.

Für Dietmar Brockes (FDP) ist ein Zwangsbeitritt für Pflegekräfte in eine von der CDU und der Landes-SPD befürwortete Pflegekammer in NRW mit freiheitlich, liberalem Gedankengut nicht vereinbar. Die Linken lehnen eine solche Pflegekammer strikt ab, und die Pflege muss, laut Günter Solecki (die Linke) „Staatssache“ sein und nicht in die Verantwortung privater Anbieter driften. Die Grünen, durch Martina Maßen vertreten, sehen die Sicherungssysteme der Zukunft in einer Bürgerversicherung. Ihr bereiten die Lohnstrukturen im Niedriglohnsektor, die sie bei Mini-Jobbern derzeit bei sieben Millionen Bürgern wahrnimmt, große Sorgen. Dr. Marcus Optendrenk konnte jedoch dezidiert aufdecken, dass eine Bürgerversicherung die Bürger wohl kaum besser entlastet als die bestehenden Umlage- und Rentensysteme. Tanja Jansen (SPD), selbst Krankenschwester und Mutter von zwei Kindern, musste in den Nachtdienst wechseln, damit sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter äußerst belastenden Bedingungen, „gerade noch hinbekam“. Sie fordert neue Arbeitszeitmodelle in den Pflegeeinrichtungen und verspricht sich von einer Pflegekammer, dies mit ihr besser durchzusetzen.

„Bürger und Kommunen müssen sich fragen, wie sie qualitativ gute Heime und Pflegeeinrichtungen vor Ort aufbauen können“, forderte Rudakowski. „Nach dem Pflegestärkungsgesetz muss keine examinierte Pflegefachkraft unterhalb des Tarifs im öffentlichen Dienst bezahlt werden, da die Refinanzierung geregelt ist“, ergänzte er. „Qualität erhalte ich insbesondere durch zufriedenes Personal. Man sollte die Kommunen in die Pflicht nehmen, ihre Tore vor den Trägern zu verschließen, die ihren Mitarbeitern kein Weihnachtsgeld zahlen und ihre Mitarbeiter weiter als flexible Größe kalkulieren – das ist ein Skandal, den Politiker, Bürger und insbesondere meine Kolleginnen und Kollegen nicht länger mitmachen dürfen“, appellierte Rudakowski.

(StadtSpiegel)