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Das beste Abi von allen

Das beste Abi von allen
Zuerst traute man Miriam Wagnitz (hinten) nicht einmal einen Hauptschulabschluss zu, dann legte sie ein hervorragendes Abitur ab: Julia Scheytt, Miriams Klassenlehrerin und Abteilungsleiterin Oberstufe, Uwe Mitzkeit, Sonderpädagoge (jetzt im Vorruhestand), und Monika Wirtz, Sonderpädagogin (von links), gratulierten. FOTO: jb
Nettetal. Eine Erfolgsgeschichte ist die Schulkarriere der 20-jährigen Miriam Wagnitz aus Lobberich: Acht Schuljahre lang wurden ihre Talente verkannt, bis sie endlich von einer Förderschule zur Gesamtschule Nettetal wechseln konnte. Und da legte sie jetzt das beste Abitur von allen ab. Von Joachim Burghardt

„Man traute mir nicht einmal einen Hauptschulabschluss zu“, sagt Miriam und lächelt. Ja, heute kann sie wieder lächeln, ist glücklich, hat sie doch als Jahrgangsbeste eine Abinote von 1,5 geschafft. Gern erzählt sie ihre Geschichte, will so „anderen Mut machen, nie aufzugeben“.

In der Grundschule „einfach langsam mit allem, ich kam kaum mit“. Heute vermutet man, dass bei Miriam wohl eine vorübergehende entwicklungsbedingte Verzögerung der Lernfähigkeit übersehen wurde. Und so drängten die Lehrer trotz der Bedenken von Miriams Mutter zum Wechsel nach der 4. Klasse in eine Förderschule für Lernbehinderte, im Volksmund Sonderschule genannt.

Dort fühlte Miriam sich bald unterfordert: „Ich konnte mittlerweile lesen, schreiben, rechnen.“ Aber sie hatte keine Chance, aus diesem geschlossenen Kreis herauszukommen. „Ich war unglücklich, fühlte mich auch von einzelnen Lehrern gemobbt.“ Miriams Mutter wandte sich ans Jugendamt und an die Gesamtschule in Breyell.

Ein Experiment begann: „Wir hatten noch nie eine Seiteneinsteigerin aus einer Förderschule in der achten Klasse, die kein Englisch konnte“, erinnern sich Sonderpädagogin Monika Wirtz und ihr Kollege Uwe Mitzkeit; üblicherweise wechselten die Schüler zur Klasse 5. Schließlich konnte das Mädchen zur Gesamtschule in die achte Klasse wechseln, nur im Fach Englisch nahm es kurzzeitig am Unterricht der 6 teil.

Miriam fügte sich gut ein und blühte auf, nur anfangs noch mit sonderpädagogischer Begleitung und Nachhilfe. Ihre Klassenlehrerin Julia Scheytt hatte bei Miriam schnell das Gefühl, „dass ihr Geist wie ein eingesperrter Vogel aus seinem Käfig freigelassen worden war“. Scheytts Fazit heute: „Es war eine große Freude, sie zu unterrichten, und sie war auch für ihre Mitschüler eine Bereicherung.“

Happy End einer Geschichte also für Miriam und für die Gesamtschule. Mitzkeit: „Wir sind froh, dass unser integrativer, heute inklusiver Ansatz es Schülern wie Miriam ermöglicht, weiterzukommen.“ Und Wirtz ergänzt, sie hoffe, dass langfristig dieses Prinzip für immer mehr Schulen selbstverständlich werde.

Miriam Wagnitz will nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr und dem Studium sich einsetzen für Jugendliche, die sich, wie sie einst selbst, missverstanden fühlen.

(StadtSpiegel)