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„Allemal aufregend!“

„Allemal aufregend!“
Siegfried Nootz sen. in seiner Werkstatt: Gut möglich, dass sich viele Bürger am Fenster seines Ladenlokals die Nase platt gedrückt haben. Fotos (Repro): Joachim Burghardt
Nettetal. Siegfried Nootz sen. aus Kaldenkirchen sorgte 1951 für eine Sensation: In seinem Schaufenster übertrug er TV-Sendungen auf einem selbst gebauten Apparat. Am 21. November wäre der Radiomechaniker 100 Jahre alt geworden. Von Joachim Burghardt

„Dutzende Menschen schauten zu, und wir Kinder drückten uns an der Scheibe die Nasen platt“, erinnert sich der Kaldenkirchener Helmut Töpfer an den Herbst 1951. Damals wurde im Schaufenster an der Mühlenstraße 2 eine Fernsehsendung aus Holland gezeigt – auf einem Fernsehempfänger, den Siegfried Nootz selbst gebaut hatte.

„Außer in den Werkstätten von Radio-Loewe in Düsseldorf dürfte in ganz Nordrhein-Westfalen noch kein Fernsehempfänger in Betrieb sein“, schrieb eine Zeitung damals. Es sei deshalb „nicht verwunderlich“, dass der Nootzsche Apparat „die Kaldenkirchener unwiderstehlich anzog“.

Weil einzelne Bauteile wie die Braunsche Röhre für einen funktionstüchtigen Apparat in Deutschland kaum erhältlich waren, experimentierte der Physiker und Radiomechaniker mit anderen Materialien, baute eine Oszillographenröhre ein – mit Erfolg.

Nootz, den Zeitgenossen als „still, aber humorvoll“ beschrieben, stammte aus Boitzenburg in Brandenburg, studierte in Berlin Physik. Die Nachkriegswirren verschlugen ihn 1946 nach Kaldenkirchen, wo er in der Mühlenstraße, der heutigen Poensgenstraße, sein Radiogeschäft aufbaute und später in der Grenzwalstraße 2 neu eröffnete.

„Der Regisseur Axel von Ambesser drehte 1956 einen Fernsehbeitrag über meinen Vater, leider habe ich die Sendung nie gesehen“, sagt Siegfried Nootz jun. (59), der seit 1988 das Geschäft führt. In der Familie werde erzählt, dass 1951 und in den Folgejahren „Techniker der damals führenden Werke wie Philips, Loewe oder Mende zu ihm kamen und sich für ihn und seinen selbst gebauten Fernseher interessierten“. Doch Nootz sen. wollte nicht Karriere in einer großen Firma machen, sondern „lieber selbstständig bleiben, seine Freiheit haben“.

Zum ersten Fernseher, von denen sein Sohn Teile des Innenlebens aufbewahrt hat, baute Nootz eine Spezialantenne, um den nächst gelegenen Sender empfangen zu können, und zwar aus Lopik in Holland. In Deutschland wurde der offizielle reguläre tägliche Fernsehbetrieb erst 1952 aufgenommen.

„Was für eine Sendung da in Schwarz-weiß über den Bildschirm flimmerte, das konnten wir in dem Gedränge vor der Schaufensterscheibe eh kaum erkennen“, schmunzelt der 79-jährige Töpfer heute, „aber aufregend war es allemal.“

(StadtSpiegel)