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Die Tradition des St. Martin

Die Tradition des St. Martin
Foto: Heike Ahlen
Bracht. Im Rahmen der Auftaktveranstaltung für die Bewerbung um die Aufnahme der Martinstradition im Rheinland in die Liste des immateriellen Kulturerbes hat Dr. Martin Happ den rund 200 Ehrenamtlern aus Martinsvereinen viel Wissenswertes über die Entwicklung des Brauchtums erzählt. Von Heike Ahlen

Der Bürgersaal in Bracht ist bis auf den letzten platz voll. Alle, die hier sind, beschäftigen sich seit Jahren mit St. Martin. Sie sind Mitglieder der örtlichen Martinsvereine, organisieren Laternenumzüge, packen Tüten.

Wie aber ist das für uns so selbstverständliche Brauchtum rund um den 11. November entstanden?

Dr. Martin Happ hat über die Geschichte der St. Martinstradition promoviert – er gibt einen kurzen Einblick.

Es geht um Martin von Tours, geboren um 316/317 im heutigen Ungarn, der damaligen römischen Provinz Pannonia Prima, gestorben am 8. November 397 in Candes bei Tours im heutigen Frankreich.

Die Geschichte des Mannes ist weltbekannt. Wie er durch die Nacht ritt, seinen Mantel mit einem Bettler teilte, der ihm in der folgenden Nacht im Traum als Jesus erschien. Von den Gänsen, die ihn verraten haben sollen, als er sich in ihrem Stall versteckte, weil er nicht Bischof werden wollte. Was ist Historie, was ist Legende? Eine schwierige Frage.

Fest stehe, so Dr. Martin Happ, dass die Verehrung Martins etwa 150 Jahre nach seinem Tod begonnen habe. Menschen begannen, zu seinem Grab zu pilgern. Und schon ganz zu Beginn haben sie Lichter dabei gehabt. Die Verbindung des Martinsbrauchtums mit einem Lichterkult habe bereits da ihren Anfang genommen.

Seit dem achten Jahrhundert gebe es auch Martins-Kirchen. Ihn zum Namenspatron einer Kirche zu machen, sei eine weitere Form der Verehrung. Während sich die Pilgerreisen zum Grab zunächst nur die gesellschaftliche Elite leisten konnte, sickerte die Verehrung Martins nach und nach ins einfache Volk durch – und bekam neue Ausprägungen. Denn der Martinstag, der 11. November – interessanterweise nicht der Todestag, sondern der Tag seiner Beisetzung – hatte zusätzlich eine ganz andere Bedeutung.

In der Liturgieordnung des Mittelalters war die Vorweihnachtszeit nicht durch die vier Adventssonntage geprägt, sondern durch eine sechswöchige Fastenzeit, die komplizierterweise vom Dreikönigstag, dem 6. Januar aus, rückwärts gerechnet wurde. Der 11. November war also der letzte Feiertag vor dieser Fastenzeit. Gleichzeitig ging an diesem Tag das Wirtschaftsjahr zu Ende. Großbauern feierten mit ihren Knechten und Mägden, die Pacht – oftmals in Form von Gänsen gezahlt – wurde fällig.

Fett und Eier – Lebensmittel, auf die während des Fastens verzichtet werden musste – wurden aufgebraucht, weil sie sich nicht über sechs Wochen gehalten hätten. So entstanden typische Martinsgebäcke wie Mutzen.

Und weil zur Fastenzeit auch sexuelle Enthaltsamkeit gehörte, wurde auch in dieser Beziehung an jenem Tag noch einmal richtig gefeiert. Das zeigen Gemälde aus jener Zeit deutlich. Auf ihnen ist auch St. Martin zu sehen, als Soldat auf dem Pferd – aber eher als Randfigur.

Dafür sind Fackelzüge angedeutet. Und auch Schabernack, der an diesem Tag „denen da oben“ gespielt wurden. Hier, so riss Happ kurz an, zeige sich schon die erste Verbindung zum späteren Hoppeditzerwachen, dem Start in den Karneval.

Später sind es vor allen Dingen die Jugendlichen, die Halbstarken, die am Martinstag feiern.

Ausgehend von Düsseldorf, verändern sich im 19. Jahrhundert die Bräuche. Erstmals steht St. Martin – als Bischof – im Vordergrund. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist aus dem Fest der Jugendlichen endgültig ein Fest für Kinder geworden. Zunächst der Kinder der bürgerlichen Gesellschaft – und zwar unter Anleitung der Erwachsenen. Die Kinder sind nicht mehr aufmüpfig, sondern singen in den Liedern ihre eigenen Gehorsamsanforderungen.

Immer stärker rückt die Mantelteilung in den Vordergrund. Immer mehr wird St. Martin zu dem Sinnbild für Barmherzigkeit und Liebe, das er heute ist.

(StadtSpiegel)