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Die Baustellen der Borussia

Die Baustellen der Borussia
Letzte Pressekonferenz: André Schubert wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass seine Zeit bei Borussia Mönchengladbach abgelaufen ist. FOTO: Getty Images
Mönchengladbach. Überraschend kam die Trennung von André Schubert am Mittwoch wirklich nicht. Die Talfahrt der vergangenen Wochen, das Abrutschen auf Platz 14 der Tabelle und insbesondere der Auftritt des völlig verunsicherten Teams in den letzten Wochen ließen keine andere Entscheidung zu. Auf den neuen Trainer Dieter Hecking warten zahlreiche Baustellen. Von David Friederichs

Fast regungslos verfolgte André Schubert die letzten Minuten an der Seitenlinie. Zu diesem Zeitpunkt war ihm bereits klar, dass es das gewesen ist. Einen Tag später kam schließlich die offizielle Bestätigung. „Borussias trennt sich von Trainer André Schubert“ hieß es in einer Pressemitteilung. Die Entwicklung sei aus unterschiedlichen Grüngen ins Stocken geraten. „Nach einvernehmlichen Gesprächen sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass ein neuer Impuls von außen die richtige Maßnahme sein könnte, um den Club, der immer wichtiger und größer sein wird als der Einzelne, wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Ich bedanke mich für eine großartige Zeit mit tollen Menschen“, wurde Schubert vom Verein zitiert.

Es war das unvermeidliche Ende. Seit der Vertragsverlängerung Ende September hatte es in 17 Pflichtspielen nur drei Siegen gegeben, in der Champions League in Glasgow, im Pokal gegen Stuttgart und in der Bundesliga gegen Mainz - viel zu wenig für die Ansprüche.

Nun also soll es ein neuer Mann an der Seitenlinie richten. Dieter Hecking, bis zum siebten Spieltag noch Trainer beim VfL Wolfsburg, soll es sein. Knapp vier Jahre hatte Hecking in der VW-Stadt das Sagen an der Seitenlinie, feierte mit dem Verein 2015 die Vizemeisterschaft und wurde im gleichen Jahr auch Pokalsieger. Auf ihn warten allerdings einige Baustellen.

Die Tabelle lügt nicht. Gerade einmal 16 Punkte aus 16 Spielen sind, hochgerechnet aus die ganze Saison, die Bilanz eines Abstiegskandidaten. Der Tabellenplatz 14 belegt dies. Nur drei magere Pünktchen trennen den VfL vom Relegationsplatz. Mit nur 15 erzielten Toren hat die einst gefürchtete Offensive der Borussia ebenfalls einen Kellerplatz, nur Darmstadt, Ingolstadt, Hamburg und Augsburg trafen seltener.

10 der 15 Treffer erzielte der VfL in den ersten fünf Spielen der Saison. Macht einen Schnitt von 2 Toren pro Spiel. In den folgenden elf Spielen gab es nur noch fünf weitere Treffer (Schnitt 0,45). Dabei verschoss man auch zwei Elfmeter. Wurden zunächst noch zahlreiche Chancen teilweise kläglich vergeben, erspielte man sich in den letzten Spielen kaum noch eigene Möglichkeiten.

Nur ein Punkt aus sieben Auswärtsspielen ist eine erschreckende Bilanz. Im neuen Jahr muss der VfL gar noch zehn Mal in der Ferne antreten und hat auf der anderen Seite nur noch acht Heimspiele. Es müssen also auch Punkte auf fremdem Platz her.

Unter André Schubert sollte die Borussia flexibler werden - was übrig geblieben ist, ist eine völlig verunsicherte Mannschaft, die durch die ständigen Umstellungen überfordert wirkte. Im Mittelpunkt der Kritik dabei die Dreierkette. Doch auch eine Rückkehr zur Viererkette konnte am Ende keine Besserung bewirken. Borussia braucht in der jetzigen Situation ein festes System, in dem die Stärken aller Spieler zur Geltung kommen. Die Zeit der Experimente ist abgelaufen.

Christoph Kramer galt einst als Laufwunder. Wer den Weltmeister in dieser Hinrunde gesehen hat, der wird sich mehrfach die Augen gerieben haben. Schwerfällig trabte er über den Platz, gerade bei den Defensivläufen, für die er damals immer wieder gelobt wurde, sah es so aus, als wenn er im dritten Gang feststecken würde. Doch Kramer ist nur ein Beispiel dafür. Borussia ist eines der laufschwächsten Teams der Liga, unter Favre stand man da noch an der Spitze. Auch in Sachen Schnelligkeit beweist der VfL große Defizite. Wenn ein André Hahn, einst einer der schnellsten Spieler der Liga, fast mühelos von einem Abwehrspieler abgelaufen wird, dann stimmt offensichtlich etwas nicht. Dies alleine auf die Mehrfachbelastung zu schieben, ist zu einfach. Die Grundlagen hätten im Sommer gelegt werden müssen, schon hier muss es Fehler gegeben haben.

Haarsträubende Abspielfehler, ungenügendes Stellungsspiel, schwaches Zweikampfverhalten, eklatante Abschlussschwäche - Beispiele, die zeigen, wie verunsichert die Mannschaft ist. Gerade auf mentaler Seite muss die Winterpause genutzt werden, um die Köpfe wieder frei zu bekommen. Der neue Trainer muss dabei mit viel Feingefühl handeln, aber auch den Finger in die ein oder andere Wunde legen. Nur streicheln wird nicht helfen.

(Report Anzeigenblatt)