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Wozu eine Pflegekammer?

Wozu eine Pflegekammer?
Karl-Josef Laumann will die Pflegekammer für Pflegefachkräfte gegen den Willen der Gewerkschaften in NRW einführen. FOTO: Webseite Laumann
Kreis Viersen. Die Qual der Wahl: Eine Umfrage regelt im Oktober die mögliche Einführung einer Pflegekammer für 197.000 Pflegefachkräfte in NRW. Pflegekräfte könnten in dieser Pflegekammer unter anderem eine Berufsordnung beschließen und damit Qualitätsstandards in der Pflege eigenverantwortlich festsetzen. Der Extra-Tipp hat Stimmen eingefangen. Von der Redaktion

Etwa 197.000 Pflegefachkräfte gibt es aktuell in Nordrhein-Westfalen. Rund 1.500 Pflegefachkräfte werden jetzt im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales nach repräsentativen Kriterien ausgewählt und befragt. Sie bilden in ihrer Zusammensetzung die Gesamtheit der Pflegefachkräfte im Land ab. Davon ist zumindest der Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, Karl Josef Laumann (CDU), überzeugt.

Durchgeführt wird die durchaus kritisch betrachtete Befragung im Oktober 2018 vom unabhängigen Forschungsinstitut INFO GmbH. Den 1.500 glücklichen Pflegefachkräften, die das Forschungsinstitut auswählt, und deren Entscheidung für ihren ganzen Berufsstand in NRW verpflichtend sein wird, stehen drei Möglichkeiten zur Auswahl.

Sie können einmal einen Pflegering, eine Pflegekammer oder nichts von all dem wählen.

In der von Minister Laumann favorisierten Pflegekammer wären Pflegefachkräfte in Nordrhein-Westfalen Pflichtmitglieder. Sie finanziert sich vordergründig aus Mitgliederbeiträgen der Pflegefachkräfte. Die Mitgliedschaft im Pflegering (auch bayrisches Modell genannt) ist dagegen freiwillig. Beitreten können neben Pflegefachkräften auch Berufsverbände und einschlägige Interessenvertretungen, wie Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Die Kosten übernimmt das Land. Ein Pflegering kann unter anderem eine vom Ministerium erlassene Berufsordnung vollziehen und Qualitätsrichtlinien fördern.

Seit mehr als 30 Jahren arbeiten Stefan Russmann und seine Frau im Nettetaler Krankenhaus. Ihre beiden Kinder sind ebenfalls in der Pflege beschäftigt. Der stellvertretende Pflegedienstleiter findet seinen Beruf vielseitig, spannend, herausfordernd, anspruchsvoll und niemals langweilig – eigentlich eine sehr schöne Tätigkeit. Doch: „In den Pflegeeinrichtungen werden immer mehr Pflegebedürftige und Patienten in immer kürzerer Zeit mit einem seit Mitte der 90er Jahre unveränderten Personalschlüssel versorgt“, stellt er fest. „Es ist versäumt worden, bei einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft und damit auch zunehmend älter werdenden Pflegekräften, rechtzeitig mehr Menschen für die Pflegeberufe zu gewinnen und verbindliche Personalschlüssel einzuführen. Und jetzt sind alle erschrocken, welch große Anzahl an Pflegekräften aktuell schon fehlt und zukünftig noch fehlen wird“, sagt der 53-jährige Pfleger. Er plädiere für einen Pflegering nach bayrischem Modell, wenn er sich im Oktober unter den 1.500 Befragten befände.

Der 42-jährige Altenpfleger Oliver Speidelsbach aus Viersen sagt: „Die Einführung einer Pflegekammer halte ich für unsinnig. Die Pflegekammer wird ein zahnloser Papiertiger, der nur noch mehr Bürokratisierung schafft.“ Speidelsbachs Urteil fällt deutlich aus: „Weder Kammer noch Ring können Arbeitsbedingungen verbessern, weil sie kein Tarifpartner sind. Alle anderen geplanten Aufgabengebiete werden durch Gesetze oder andere Institutionen bereits abgedeckt und geregelt“, glaubt er. „Warum eine Zwangsmitgliedschaft? Wie wird in einer Kammer transparent, welches Pflegeverständnis dort vertreten wird? Warum wird eine Befragung ohne Berücksichtigung der nicht examinierten Pflegehelfer durchgeführt? Wer sitzt zukünftig in einer möglichen Kammer?“, wirft er Fragen auf. Darum sagt er am Ende nicht überraschend: „Wenn ich als Betroffener die Wahl hätte abzustimmen: Von mir kommt ein klares NEIN zu Kammer und Ring.“

„Ich bin seit 2016 freiwilliges Mitglied in der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, weil ich genau das unterstützen will“, sagt die in Viersen geborene und aufgewachsene Krankenschwester, Kommunikationstrainerin, Dipl. Kunsttherapeutin und angehende Pflegewissenschaftlerin, Lola Maria Amekor. „Dass es einen Pflichtbeitrag gibt, ist für mich ok. Man könnte auch sagen, dass wir erst dann unabhängig sind, wenn wir auch nicht abhängig sind von dem Goodwill von irgendwelchen anderen. Das wäre bei dem Bayrischen Modell des Pflegerings der Fall.“ Die 48-Jährige bereitet gerade ihren Masterabschluss der Pflegewissenschaft an der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar vor. „Wir Pflegende sind gezwungen, beständig am Ball zu bleiben und uns immer weiterzubilden. Das geht ja anderen Berufsgruppen nicht anders. Wenn wir als Profession ernst genommen werden wollen, und das nehme ich als Bedürfnis von Pflegenden seit Jahren wahr, ist die Pflegeberufekammer und die fundierte Kompetenzentwicklung von großer Bedeutung“, ist sich die in Hamburg lebende Wissenschaftlerin und Buchautorin sicher. „Mit der Pflegeberufekammer bekommen wir politisch eine Stimme, werden gefragt und reden mit. Wir Pflegende selbst legen pflegerische Qualität fest und nicht Mediziner, Soziologen oder Betriebswirtschaftler und Unternehmensberater. Mitglieder der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein sitzen in den Ausschüssen über die Pflege betreffende Gesetzesentwürfe. Das ist doch wunderbar“, freut sich Amekor.

„Wozu braucht es eine teure Pflegekammer?“ Diese Frage stellt sich der Landesfachbereichsleiter der Gewerkschaft ver.di für den Bereich, Gesundheit- und Sozialwesen in NRW, Wolfgang Cremer. „Es ist staatliche Aufgabe, eine gesicherte pflegerische Versorgung zu gewährleisten. Einer Pflegekammer diese hoheitlichen Aufgaben zu übertragen und die Pflegekräfte dafür bezahlen zu lassen, lehnen wir ab“, stellt Cremer klar. „Wir möchten unsere gewählten Politikerinnen und Politiker auch zukünftig für die Versorgung der Menschen in diesem Land in die Verantwortung nehmen können und diese Aufgabe nicht auf eine Pflegekammer übertragen sehen. Wählerinnen und Wähler haben keinen Einfluss auf Pflegekammern“, gibt der Landesfachbereichsleiter zu bedenken. „Gute Arbeitsbedingungen, eine angemessene Bezahlung und mehr Personal werden wir nur durchsetzen, wenn sich viele engagieren. Zur Lösung dieser Probleme kann eine Pflegekammer nichts beitragen. Das ist nicht ihre Aufgabe“, ist sich Cremer sicher. „Dennoch ist klar“, sagt er, „sollten sich die Pflegekräfte in der Befragung dafür entscheiden, werden wir mitarbeiten. Auch in einer Pflegekammer oder einem Pflegering wird ver.di seine Fachkenntnis im Interesse der Beschäftigten einbringen.“

(Report Anzeigenblatt)