| 12.00 Uhr

Warum Pfefferspray sinnlos ist

Warum Pfefferspray sinnlos ist
Andrea Schnell zeigt mit ihrem Sohn Nico-Leon (9), wie sich ein kleiner Mensch im Notfall gegen einen großen wehren kann: Wird man festgehalten, den Angreifer in den inneren Oberschenkel kneifen. Dort ist die Haut extrem empfindlich. FOTO: Rottmann
Wenn es abends wieder früher dunkel wird, fühlen sich viele Menschen – nicht nur Frauen – auf eher unbelebten Straßen verunsichert. Kickbox- und Kung-Fu-Meisterin Andrea Schnell gibt Tipps. Von Alexandra Rottmann

Vor allem Frauen haben seit den Ereignissen der Silvesternacht 2016 ihre Handtasche mit Pfefferspray ausgestattet. Ist das eine gute Idee?

Andrea Schnell:

Meiner Meinung nach ist das Zeug eine Katastrophe. Erstens ist es gar nicht erlaubt, das gegen Menschen zu verwenden, nur gegen Tiere. Das heißt, man könnte sogar Schwierigkeiten mit der Polizei bekommen, wenn man es einsetzt. Zweitens können Angreifer, die ja meistens körperlich überlegen sind, das Spray ganz einfach gegen einen selbst drehen. Oder der Wind steht ungünstig – schon ist man noch wehrloser als vorher.

Was kann man stattdessen tun, um sich sicherer zu fühlen, wenn man nicht gerade eine Kampfsportart beherrscht?

Andrea Schnell:

Dazu ist es erst einmal wichtig zu wissen, wie sich ein Täter sein Opfer aussucht. Wenn Sie alleine im Dunkeln unterwegs sind, egal ob als Frau oder Mann, und die ganze Zeit auf Ihr Handy starren, dann stellen Sie schon mal ein ideales Opfer dar. Denn Sie sind ja nicht aufmerksam, man kann Sie ganz leicht überrumpeln. Also Handy in der Tasche lassen und alles im Blick behalten. Sich dauernd umzudrehen, als ob man sich verfolgt fühlt, wäre aber auch nicht gut, damit zeigt man nur seine Unsicherheit.

Um sich sicherer zu fühlen, kann man normale Alltagsgegenstände benutzen. Halten Sie eine Handvoll Centstücke in der Faust, die Sie in die Hosen- oder Jackentasche gesteckt haben. Die können Sie im Notfall einem Angreifer ganz schnell ins Gesicht werfen. Die gleiche Funktion erfüllt ein Schlüsselbund am Band, das man sich um das Handgelenk wickelt. Es geht nur um einen geräuschvollen Überraschungseffekt und um das Ablenken, um dann schnell wegzulaufen.

Weitere Maßnahmen: In typische ’Frauenautos’ auch ein paar ’Männer-Utensilien’ wie Krawatte, Sportzeitschrift oder Fanschal legen, damit kein Täter auf die Idee kommt, Ihnen bei der Rückkehr zum Parkplatz aufzulauern. An der Haustür nicht lange nach dem richtigen Schlüssel suchen, sondern ihn schon lange vorher in die Hand nehmen und zügig das Haus betreten. Wenn man mit dem Auto in einer unsicheren Gegend unterwegs ist, Türen von innen abschließen. Im Aufzug nicht ganz nach hinten stellen, sondern vorne neben die Bedienungsknöpfe. Kinder sollten laut auf sich aufmerksam machen, aber niemals rufen ’Lass mich los!’, sondern immer ’Lassen Sie mich los!’, damit Passanten wissen: Das ist nicht die Mutter oder der Vater mit einem widerspenstigen Sprössling.

Sind Selbstverteidigungs- kurse sinnvoll?

Andrea Schnell:

Wir nennen das in unserer Kampfkunstschule ’Selbstschutz’, denn um echte Selbstverteidigung zu lernen, braucht man Jahre. Das muss in Fleisch und Blut übergehen. Ein Kurzkurs macht aber trotzdem Sinn, weil man ziemlich schnell lernen kann, sich auf gewisse Situationen einzustellen, nicht in Schockstarre zu verfallen, sondern sich eine Fluchtmöglichkeit zu eröffnen. Und wenn man durch seine Körperhaltung dann noch eine gewisse Sicherheit ausstrahlt, sein Umfeld beobachtet und nicht am Handy hängt, ist viel gewonnen. Die meisten Täter sind feige und suchen sich gezielt Opfer aus. Wenn ich aufmerksam wirke, bin ich nicht so schnell in ihrem Beuteschema drin.

(Report Anzeigenblatt)
Weitere Empfehlungen für Sie!Anzeige