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Jeder verdient einen Neustart

Jeder verdient einen Neustart
Sozialpädagogin Karina Wieland und Dieter Paeßens im Wohnzimmer des Oscar-Romero-Haus. Hier werden zum Beispiel gemeinsam Gesellschaftsspiele gespielt. FOTO: Gina Dollen
Viersen. Krankheit, Arbeitslosigkeit oder private Schicksalsschläge können einen aus der Bahn werfen. Manchmal so sehr, dass man den Boden unter den Füßen verliert und nur mit externer Hilfe ins Leben zurück findet. Im Oscar-Romero-Haus finden Betroffene eine solche Hilfe. Von Gina Dollen

Von neun bis fünf auf der Arbeit sein, abends ins gemütliche Zuhause kommen und dann ein leckeres Abendessen genießen – das läuft nicht immer so. Von jetzt auf gleich kann einem das Leben einen Strich durch die Rechnung machen, der geordnete Alltag, das Dach über dem Kopf und die warme Mahlzeit am Abend sind verschwunden. Man ist in die Obdachlosigkeit gerutscht. Dort wieder rauszukommen, das Leben in Ordnung zu bringen, das ist nicht einfach. Doch mit der richtigen Hilfe kann man es schaffen. Für diesen Weg zurück ins Leben gibt es das Oscar-Romero-Haus in Viersen.

Sechs Menschen leben im Oscar-Romero-Haus, drei in der Zweitstelle an der Berliner Höhe. Mit dem Projekt „Ambulant Betreutes Wohnen in Viersen“ versuchen sie, den Weg zurück auf die richtige Bahn zu finden. Unterstützt werden sie dabei von Sozialpädagogin Karina Wieland. „Die Menschen, die hier leben, sind durch unterschiedlichste Gründe in Lebensumstände geraten, die kein menschenwürdiges Leben mehr zulassen. Wir sind jetzt eine Art Anker“, erklärt Dieter Paeßens, zuständiger Bereichsleiter des rheinischen Verein für katholische Arbeiterkolonien, dem Träger des Projektes.

Die Bewohner leben in einer Art WG, unterstützt durch Karina Wieland. „Meine Aufgaben sind ganz unterschiedlich, mal gehe ich mit zu Terminen bei Behörden, mal helfe ich bei finanziellen Angelegenheiten, aber auch gemeinsam lernen, wie man einen Putzplan erstellt“, erklärt sie. Von 8 bis 16 Uhr ist die Sozialpädagogin im Haus, in der restlichen Zeit regeln die Bewohner ihren Alltag alleine.

„Unser Ziel ist eine Reintegration in die Gesellschaft“, betont Dieter Paeßens. Dabei sei die Identitätssuche ein wichtiger Faktor. Jeder muss herausfinden, was er mit dem Neustart anfangen möchte. „Zu Beginn gibt es deshalb ein Beratungsgespräch, in dem wir herausfinden, wo die Schwierigkeiten liegen und wo es hin gehen soll. Dann erstellen wir einen Hilfeplan, die sogenannte ,Sozialanamnese’“, erklärt Karina Wieland. Daneben ist auch die Freizeitgestaltung ein fester Bestandteil ihrer Arbeit. Durch verschiedene Sport- und Freizeitangebote sollen die Bewohner wieder lernen, sich für etwas zu begeistern.

Eine Befristung gibt es nicht, jeder bekommt die Zeit, die er braucht. Auch nach der Zeit im Oscar-Romero-Haus geht die Betreuung erstmal weiter.

„Ich habe mir nicht ausgesucht, obdachlos zu werden. Das war für mich ein Schock. Glauben Sie mir, auf der Straße oder in einem Obdachlosenheim zu übernachten, das ist nicht schön“, erzählt M. (Name der Redaktion bekannt). Er erfuhr durch einen Sozialarbeiter vom Oscar-Romero-Haus und ergriff die Chance. „Hier kann ich mein Leben wieder ordnen. Frau Wieland ist für uns da. Den Weg, den ich hier gehe, empfinde ich als sehr sicher, da es hier Leute gibt, die ein Auge auf mich werfen“, berichtet er. Im Moment nimmt er an einer beruflichen Qualifizierung teil. Wenn alles funktioniert, kann der gelernte Elektroinstallateur bald in einen Beruf im IT Bereich einsteigen, sein Traumjob.

(Report Anzeigenblatt)