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Felix leistet wertvolle Hilfe

Felix leistet wertvolle Hilfe
Kerstin Seidel (rechts) im Beratungsgespräch: „Wir leisten Aufklärungsarbeit.“ FOTO: Joachim Burghardt
Nettetal. Hilfe hat einen Namen: Felix. So heißt das Netzwerk für Kinder psychisch kranker Eltern im Kreis Viersen. Etliche Institutionen sind mit im Boot, mittlerweile fand ihr 20. Netzwerktreffen statt. Von Joachim Burghardt

„Der Bedarf ist riesengroß, unsere Arbeit im Netzwerk vielfältig“, sagt Kerstin Seidel vom Sozialpsychiatrischen Zentrum der AWO in Lobberich. Sie hat 2008 das Felix mit gegründet. Mittlerweile sind rund 150 Kinder Klienten im Netzwerk, 70 Familien erfahren Unterstützung, die Fachleute leisten hunderte Beratungsgespräche – und das alles innerhalb eines Jahres.

Dabei erreichen die Netzwerker nach Einschätzung Seidels wohl nur die Spitze eines Eisberges, die Dunkelziffer liegt wesentlich höher: „Nach Untersuchungen sind in Deutschland in mindestens einer halben Million Familien Eltern oder ein Elternteil psychisch krank, im Kreis Viersen gehen wir von etwa 2000 betroffenen Familien aus, und zwar aus allen sozialen Schichten.“

Worum es konkret geht, schildert Seidel am Beispiel eines Mädchens mit einer psychisch kranken Mutter, die phasenweise verstört ist: „Die junge Frau kümmerte sich vor und nach der Schule um die Mutter, versorgte bei Bedarf auch den Haushalt, bis sie nicht mehr weiter wusste und konnte, sich schließlich an uns wandte.“

Nach den Erfahrungen der Sozialpädagogin reagieren Kinder oft verunsichert auf die psychische Erkrankung eines Elternteils, auffällige Verhaltensweisen stellen Lehrer vor Rätsel: „Darum leisten wir Aufklärungsarbeit auch in Schulen, etwa mit unserem Projekt ‚Verrückt – na und‘, damit Lehrer und Mitschüler reagieren können und sich an uns wenden, wenn mit einem Kind was nicht stimmt“, sagt Seidel.

Zudem ist statistisch das Risiko hoch, dass ein betroffenes Kind später selbst psychisch erkrankt. Um dem vorzubeugen, bringen sich die Netzwerker mit ihren Kompetenzen und Angeboten ein. Neben Maßnahmen wie Beratungen oder Gruppengesprächen, Kriseninterventionen oder ambulante Hilfen, Selbsthilfegruppen oder Multiplikatoren-Schulung darf man laut Seidel „Freizeitmaßnahmen für Betroffene nicht unterschätzen“, dabei könnten Kinder „mal abschalten, auftanken, neue Kraft schöpfen“.

So ist das Netzwerk längst zu einem viel beachteten bundesweiten Modellprojekt geworden,. Doch die die Arbeit ist aufwendig, fordert viel Engagement und ist mit der kleinen Besetzung in der AWO-Koordinierungsstelle in Lobberich kaum zu schaffen. „Immerhin finanziert der Kreis Viersen eine halbe Stelle“, meint Seidel; zusätzlich baue man auf Spenden.

(Report Anzeigenblatt)