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Bundestagswahl 2017: Treffen Sie Ihre Entscheidung!
Überall junge Wähler

Bundestagswahl 2017: Treffen Sie Ihre Entscheidung!: Überall junge Wähler
Lehrer Christian Wolters hat seine Schüler Frances, Noah, dahinter Mike, Nina, Jonas und David (von links) intensiv auf die Bundestagswahl vorbereitet. Das Ergebnis: Alle gehen wählen. FOTO: Uli Rentzsch
Viersen. Wer interessiert sich eigentlich für die jungen Menschen, die am 24. September zum ersten Mal zur Bundestagswahl gehen? Und wenn sich jemand für diese jungen Wähler interessiert, wie macht er auf sich aufmerksam? Zeigt er wahres Interesse oder sind die Lockrufe nur Lippenbekenntnisse? Junge Wähler – eine undefinierbare Gruppe, die noch nicht weiß, was sie tut? Der Extra-Tipp besuchte das Erasmus-von Rotterdam-Gymnasium und fragte nach. Jonas, Mike, Nina, Noah, David und Frances gaben Antworten. Von Ulrich Rentzsch

Ich gebe zu: Ich bin ein wenig nervös vor dieser Gesprächsrunde. Was ist, wenn keiner Interesse an der Bundestagswahl hat? Was ist, wenn Politik gleichbedeutend mit Wichtigkeit von Streusalz in der Sahara ist? Was ist, wenn ich auf eine Null-Bock-Generation stoße? Ich will mich ablenken und lese, während ich warte, die Umschläge der Bücher im Regal. Werke von Friedrich Hebbel in Augenhöhe. Alle Wetter! Hatten wir auch so eine Bibliothek? Dann sind die Erinnerungen an die eigene Schulzeit schon Vergangenheit. Ich schüttele Jonas, Mike, Nina, Noah, Davis und Frances die Hand. "Schön, dass Ihr gekommen seid." Alle sind Schüler der Jahrgangsstufe 12, heute heißt das Qualifizierungsstufe 2. Alle dürfen zum ersten Mal den Bundestag wählen.

Ihr Lehrer Christian Wolters hat mir vorher erklärt, dass das Gymnasium schon seit Jahren am Projekt Junior-Wahl teilnimmt. Stoff für die neunte bis elfte Klasse. Hier wird eine Wahl spielerisch simuliert: Wahlbenachrichtigung, Wahlzettel, Kabine – alles wie im echten Leben. "In den Fächern Sozialwissenschaften, Geschichte und Politik werden die Schüler intensiv auf das Thema Wahlen vorbereitet", sagt Christian Wolters. Die verschiedenen Staatsformen, die Geschichte der Parteien, der Wahl-o-Mat – alles bekannt.

"Geht Ihr alle wählen?", werfe ich in die Runde. Natürlich. Ein klares Ja. Von allen. Kein Zweifel. "Selbst, wenn ich nicht wüsste, wen ich wähle, möchte ich nicht mein Recht auf die Wahl vergeuden", sagt Noah. Nicht wählen zu gehen, sei keine Option.

"Wir sind schon gut auf die Wahlen vorbereitet worden", sagt Mike. Zunächst einmal grundsätzliches Wissen, Parteien und Ablauf der Wahl, dann ging es an die Computer, der Wahl-o-Mat rückte in den Fokus. Die Fragen oder besser die Thesen des Wahl-o-Mats wurden besprochen. "Hier und da gab es schon mal Schwierigkeiten, eine Frage richtig zu deuten", sagt Mike. Und Jonas ergänzt: "Ich fand es gut, dass die Thesen erläutert wurden. Ich bin noch jung, manche These habe ich gar nicht verstanden." Er sei ganz offen an die Fragen im Wahl-o-Mat herangegangen, sei aber vom Ergebnis doch ein wenig überrascht gewesen.

David wirft dazwischen, dass er – und natürlich auch viele andere – sich nicht nur in der Schule informierten. Stimmt. Nina sagt: "Ich habe mir im Internet die Programme der Parteien angeschaut und auch die Videos, in denen sich die Parteien vorstellen."

Erfrischend empfinde ich, dass die Schüler die Thesen des Wahl-o-Mats nicht auf sich herabrieseln lassen, sie bleiben kritisch. Mike meint: "Der Wahl-o-Mat soll eine Hilfe sein. Wer absolut niemals AfD wählen will, aber das Ergebnis etwas anderes sagt, der sollte sich doch mal etwas mehr mit dem Wahlprogramm der AfD beschäftigen."

Ich frage die Schüler, ob sie von ihrem Elternhaus bestärkt werden, zur Wahl zu gehen. Auch hier ist die Antwort ein eindeutiges Ja. Frances sagt, dass sie weiß, was beispielsweise ihr Vater wählt und sie sich deshalb die entsprechenden Informationen besorgt habe: "Aber darunter sind Themen, die mich jetzt noch nicht interessieren." Darum müssen man nicht die Partei der Eltern wählen. Noahs Eltern geben den Rat, das Wahlrecht zu nutzen: Geht wählen!

"Ich kann mit meinen Eltern gut darüber sprechen, mehr noch mit meinem Vater", sagt Nina, aber auch sie findet, dass die Interessen von Eltern und Kind doch oft weit auseinanderliegen. "In meinem Freundeskreis sprechen wir oft über Politik und sind oft unterschiedlicher Meinung", sagt David, aber gerade weil man unter Freunden sei, könne man mit gegensätzlicher Meinung gut umgehen.

Die Informationsquelle überhaupt ist das Internet, mit ganz deutlichen Abstrichen vielleicht noch das Fernsehen. David hat schon feste Vorstellungen, welche Partei ihn überzeugt: "Deshalb schau ich mir die Sendungen zwar an, aber ich rege mich eher auf, als dass ich mich noch beeinflussen lasse." Surfen und googlen – eine Methode für Mike und auch für Noah. Beide suchen auch bei YouTube nach Informationen. Kritisch sieht die Runde jedoch die Mechanismen bei Facebook. "Hast du einmal ,gefällt dir' geklickt, wirst du mit Werbung überhäuft", sagt Noah. Und Nina schiebt hinterher: Viele Posts seien offensichtlich Fake News. Das Vertrauen sei futsch. "Lieber lese ich im Wahlprogramm einer Partei."

Das Parfüm "FDP" sei permanent ausverkauft, schrieb der Postillon. Zwar ließen sich viele vom dem gut aussehenden Mann und dessen Kampagne verleiten, aber FDP sei in keiner Parfümerie zu bekommen. Die Strategie der Liberalen – trifft sie den Nerv der Jugend? "Viele Mediadesigner haben gute Arbeit geleistet, es ist ansprechend", meint Nina, "aber ich bin nicht für immer jung, andere Parteien haben auch gute Argumente." Und Frances? "Es ist ein Eyecatcher. Es ist gut gemacht, die anderen Parteien wirken dagegen alt." Noah ist eher abgeschreckt: "Diese Fotos sollen uns ansprechen. Und genau deswegen fühle ich mich manipuliert."

(Report Anzeigenblatt)